Eine fast märchenhafte Geschichte

Das singende, klingende Leben von Berchtesgadens Stiftskapellmeister Stefan Mohr – Bericht von Dieter Meister im „Berchtesgadener Anzeiger“ vom 29. Dezember 2017

Manchmal werden Märchen wahr. Das ist ein abgegriffener Satz und wohl mehr geeignet für das Porträt einer Schlagersängerin. Von solchen Tönen allerdings ist Stefan Mohr weit entfernt. Der Stiftskapellmeister und Leiter der Berchtesgadener Stiftsmusik, der katholische Kirchenmusik und Gesang an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz studierte und 1990 das Staatsexamen im Fach Katholische Kirchenmusik mit A-Examen ablegte, hat ganz andere Schwerpunkte. Bei einem für den Verfasser dieses Porträts sehr kurzweiligen Interview plauderte Stefan Mohr über Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft seines gewiss nicht facettenarmen Musikerlebens.

Wäre also an dieser Stelle ein Märchen geplant, müsste es üblicherweise mit den Worten „Es war einmal“ beginnen. Es ist allerdings kein Märchen, dass Stefan Mohr mit seiner Frau einige Tage zum Urlaub in der Ramsau weilte. Irgendwann standen sie in der Berchtesgadener Stiftskirche, ließen sich vom Raum beeindrucken. So sehr offensichtlich, dass Stefan Mohr den Wunsch äußerte, diesen Ort einmal als aktiver Musiker bespielen zu können. Ein paar Jahre später war die Stelle des Stiftskapellmeisters vakant und wurde ausgeschrieben. Und wieder war es die Ehefrau, die den Anstoß zur Bewerbung gab. Da Mohr in Westdeutschland „in Lohn und Brot“ stand, hing seine Zukunft nicht an dem berühmten seidenen Faden und ließ ihn locker auf das schauen, was kommen oder eben nicht kommen werde. Er fuhr zum Vorspielen als einer von mehreren Bewerbern. Und wurde genommen. Heute ist er als Nachfolger von Urban Hafenmair der Stiftskapellmeister, hörbar in den Messen der Pfarrgemeinde und gelegentlich in Konzerten. Da auch sichtbar.

Das „Märchen“ ging aber noch ein Stückchen weiter. Die Familie Mohr war in Berchtesgaden, hatte eine Wohnung bezogen mit kurzem Arbeitsweg zu den Orgeln der Gemeinde und war an sich schon zufrieden, bis die Nachricht kam, dass der Salzburger Mozartchor einen neuen Leiter suche. Da Stefan Mohr die Jahre vor Berchtesgaden bereits einen erfolgreichen Chor geleitet hatte, zum anderen bereits den Stiftskirchenchor in seiner neuen Heimat unter seine Fittiche genommen hatte, war die Bewerbung eigentlich logisch. Auch hier wurde er genommen.

Dass Stefan Mohr die Arbeit mit den beiden Chören Freude bereitet, muss gar nicht erzählt werden. Und die räumliche Nähe zwischen Berchtesgaden und Salzburg ließ natürlich den Gedanken kommen, die beiden großen Chöre gelegentlich zu einem ganz großen Chor verschmelzen zu lassen. Das ist aber schon eine neue Geschichte. Wie oben schon angedeutet, hat Mohr in Mainz Kirchenmusik und Gesang studiert, hat während des Studiums beim Mainzer Domchor und bei den Kiedricher Chorknaben assistiert und Meisterkurse bei Sylvain Cambreling und Sergiu Celibidache im Fach Chor- und Orchesterdirigieren belegt. 23 Jahre war er Kantor an der Bonner Stiftskirche und hat hier auch eine Reihe von großen Werken für Chor und Orchester aufgeführt. Stefan Mohr war zudem Musiklehrer am kirchlichen Jungengymnasium Collegium Josephinum und parallel Leiter des Deutsch-Französischen Chores in Bonn, mit dem er erfolgreiche Konzertreisen im In- und Ausland unternahm, die ihn beispielsweise mehrfach nach Frankreich und zu einigen wichtigen Konzerten bis nach Japan brachten.

Zwei Jahre war Stefan Mohr hernach Seelsorgebereichsmusiker und Kantor an St. Joseph in Solingen-Ohligs. Neben dem liturgischen Orgeldienst oblag ihm die Leitung verschiedener Chorgruppen an St. Joseph sowie die organisatorische und künstlerische Verantwortung für die Kirchenmusik. Schon in Solingen hat der Musiker eine Singschule mit verschiedenen Chorgruppen für Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen. Ein Arbeitsfeld, das er in Berchtesgaden, wo er seit September 2015 tätig ist, gern weiter bestellt. Über 50 singende Kinder hat er unter seinen „Fittichen“, die unter seiner Regie die Liturgie bereichern, denn diese steht bei einem Kirchenmusiker immer an oberer Stelle. Konzerte sind allerdings eine wertvolle ergänzende Aufgabe, die Mohr sichtbar mit Herzblut zu füllen weiß. Erinnert sei nur an die zwei außergewöhnlichen und in unterschiedlicher Weise berührenden Abende mit den Requiems von Gabriel Fauré beziehungsweise Wolfgang Amadeus Mozart in der Stiftskirche, bei denen auch der Mozartchor Salzburg und ein japanischer Chor mitwirkten, mit dessen Dirigenten Mohr seit Langem eine Freundschaft verbindet.

Diese Konzerte wurden zeitnah auch in Salzburg aufgeführt, der Heimat des Mozartchores, der trotz der geografischen Nähe nicht Konkurrent, sondern Partner des Stiftskirchenchores Berchtesgaden ist, dank Stefan Mohr. Übrigens werden beide Chöre vereint auch das Salzburger Musikjahr 2018 gewissermaßen eröffnen. Beim Neujahrskonzert um 11 Uhr im Großen Festspielhaus, das unter dem Motto „Wiener Walzer & Opern-Chöre“ steht, wirken beide Chöre unter der Einstudierung von Stefan Mohr mit. Es spielen die Zagreber Philharmoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten David Danzmayr. Im Herbst 2018 gehen insgesamt 65 Mitglieder beider Chöre auf große Konzertreise nach Japan und werden sowohl in der Kathedrale von Tokyo als auch beim Abschlusskonzert des internationalen Mahoroba-Music-Festivals in Sakurai City das Requiem von Gabriel Fauré unter der Leitung von Stefan Mohr aufführen.

Dieter Meister

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