„Weil der Altar altershalben unförmblich und paufellig ...“

350 Jahre Hochaltar in der Stiftskirche zu Berchtesgaden

Die Holländer mögen heuer des 350. Todestages ihres großen Malers Rembrandt gedenken, für die Berchtesgadener besteht berechtigter Anlass auf 350 Jahre Hochaltar in der Stiftskirche zurückzublicken, zumal dessen Schöpfer Bartholomäus van Opstall ein Barockbildhauer niederländischer Herkunft war.

Die Entstehungsgeschichte dieses Hochaltars ist ausführlich dokumentiert und erinnert fast an heute allgemein übliche Ausschreibungen (s. Pfarrarchiv Berchtesgaden Kass. 22). Zuerst zu den damals handelnden Personen: Als Ranghöchster ist der Berchtesgadener Fürstpropst Maximilian Heinrich, Herzog von Bayern, zu nennen, der als Kurfürst und Erzbischof im fernen Köln bzw. Bonn residierte (1650 – 1688). Dessen „rechte Hand“ hier vor Ort war der Chorherr Johann Georg von Leoprechting, seit 1650 Vizedekan des Augustiner-Chorherrenstiftes, ab 1655 den Vorsitz im fürstlichen Rat führend und der schließlich seit 1658 als Dekan dem gesamten Stiftskapitel vorsteht. Als nächste sind die beiden ausführenden Künstler vorzustellen: der vorgenannte Bildhauer und Steinmetz Bartholomäus van Opstall und der Maler Johann von Spillenberger. Beider Biographien sind gesondert aufgeführt.

Bartholomäus van Opstall meldet sich

Am 7. Februar 1660 schreibt Dekan Leoprechting an seinen Fürstpropst Maximilian Heinrich nach Köln und bittet um „eine gnädigste Resolution zur Errichtung eines neuen 'stainern' Hochaltars im Münster St. Peter und Johannes ergehen zu lassen“ und begründet dies mit der Baufälligkeit des kleinen „Altärls“ (s.o). Mit Münster ist durchgehend die Stiftskirche gemeint. Obwohl aus Köln noch keine endgültige Antwort vorliegt, sucht der rührige Stiftsdekan Fachleute für den Altarneubau im hohen gotischen Chorraum. Aus Regensburg und Passau kommt keine Antwort. Der Salzburger Bildhauer und Steinmetz Johann Pernegger wird als zu teuer abgelehnt. Aus Rom meldet sich Bartholomäus van Opstall, der sich dort zu Studienzwecken aufhält, aber bereits einen guten Ruf als versierter Bildhauer hat. Er liefert zwei Aufrisszeichnungen mit.

Bewegung in das gewaltige Vorhaben kommt im Herbst 1661, als Kurfürst und Fürstpropst Maximilian Heinrich von einer Pilgerreise nach Altötting auch Berchtesgaden für längere Zeit besucht. Er kann sich von der Baufälligkeit des alten Altars persönlich überzeugen. Stiftsdekan und Stiftskapitel umschmeicheln den hochgnädigsten Herrn, dass er sich „einen unsterblichen Namen mache, wenn er einen neuen Hochaltar aufsetzte“. Opstalls Entwürfe gefallen, weil sie mit der gotischen Architektur des Presbyterium bestens harmonieren, während Perneggers erneuter Antrag wiederum abgelehnt wird.

Ein Hochaltar für 7000 Gulden

Das Jahr 1662 über wird mit Opstall, immer noch in Rom, verhandelt. Es geht um Form und Proportionen und ums Geld. Man wird sich einig: Am 10. Januar 1663 wird der Kontrakt geschlossen. Opstall verpflichtet sich, innerhalb von fünf Jahren den Hochaltar aufzustellen zum Preis von 7000 Gulden; bei Verzicht auf den Tabernakel 500 Gulden weniger. Der Vertrag, unterschrieben und gesiegelt von Stiftsdekan Leoprechting, Stiftskanzler Johann Christoph Mäntzel und Bartholomäus van Opstall, wird von Kurfürst Maximilian Heinrich genehmigt. Opstall übersiedelt nach Salzburg in die Nähe prächtiger Marmorbrüche, Adnet und Untersberg. Aus den Archivalien erfahren wir, dass Opstall am 18. Januar 1669 fristgerecht seine Arbeit vollendet hat: Ein imposantes viersäuliges hochbarockes Marmor- bzw. Stuckmarmorretabel; ein Hochaltar, der sich mit dem im Salzburger Dom jederzeit messen kann. Während seitlich am Auszug die Figuren der Hll. Georg und Florian thronen, prangen am Sockel der vorderen Säulen die Wappen des Kurfürsten Maximilian Heinrich von Bayern und das Wappen des Stiftskapitels.

Die Vergabe des Hochaltarbildes bzw. des runden Auszugsbildes gleicht der des Hochaltares. Stiftsdekan Leoprechting ging bei der Suche nach einem geeigneten Maler ähnlich vor. Mit dem späteren Schöpfer Johann von Spillenberger hatte sich ein erster Kontakt schon im Jahre 1661 ergeben, als Spillenberger anlässlich des Besuches von Kurfürst Maximilian Heinrich eine allgemein bewunderte Triumphpforte gemalt hatte. Spillenbergers Bemühen um die Ausführung des Hochaltarbildes für Berchtesgaden lässt sich in das Jahr 1663 zurückverfolgen und deutet auf die große Bedeutung hin, die der Maler dem Auftrag beimaß. Die Ausschreibung des Projektes durch Leoprechting in Passau, Regensburg, Salzburg und Rom sorgte zweifellos für große Konkurrenz, und so ist die Auftragserteilung an Spillenberger als besondere Auszeichnung werten. Zudem empfahlen die Maler Joachim von Sandrat und Johann Heinrich Schönfeld, deren Gemälde der Seitenaltäre der Stiftskirche zieren, Spillenberger. Es ist denkbar, dass das Berchtesgadener Gemälde als erstes Altarbild aus der kurz zuvor nach Wien verlegten Werkstatt hervorging.

Darstellung „Mariä Himmelfahrt“

Bildthema war die in der Gegenreformation beliebte Darstellung „Mariä Himmelfahrt“ und die Dreifaltigkeit im runden Auszugsbild. Auch über die Entlohnung war man sich einig geworden; der Künstler sollte 900 Gulden für beide Arbeiten erhalten, die er unter Bezugnahme auf das anerkannte Vorbild von Peter Paul Rubens anfertigte. Bei Spillenberger werden die Madonna, die Frauen am Grabe und die ausdrucksstarken Apostelfiguren des Flamen Rubens zu erdverbundenen, leicht bäuerlichen Typen. Gerade diese großen Apostelfiguren gehören seither wie die bühnenmäßige Inszenierung zum festen Bestandteil bei Spillenbergers Bildkompositionen. Der Maler hat wohl beide Gemälde nach Fertigstellung persönlich nach Berchtesgaden gebracht; denn in der Kostenabrechnung steht, dass ihm am 4.Mai 1669 in der Stiftstaverne Neuhaus für „bestellte Zehrung 16 Gulden und 12 Kreuzer bezahlt“ wurden.

Aus der „Spezification“ von 1669, der Gesamtkostenausstellung erfahren wir, dass wegen des „stainern Hochaltar in dero fürstl. Münster allhier zu Berchtesgaden bezahlt waren“: 7869 Gulden 12 Kreuzer. 500 Gulden wurden wegen des Tabernakels zurückgehalten. Am 29. Okt. 1669 ist Opstall erneut in Berchtesgaden und einigt sich auf weißen Untersberger „Marbel“.

Fürstpropst und Kurfürst Maximilian Heinrich machte auf seiner Pilgerreise nach Padua und Loreto im Juli/August 1670 eine mehrtägige Zwischenstation in Berchtesgaden und so konnte er sich von dem gelungenen Werk persönlich erzeugen. Heute zieren den Hochaltar eine silberne Rokokogarnitur mit Tabernakel und das runde Medaillonbild wurde 1848 durch die Taufe Jesu ersetzt.

 

Biographien

Bartholomäus van Opstall

(geb. um 1631 in Antwerpen, gest. 7. März 1694 in Salzburg): Nach heimischer Ausbildung weilte er seit 1660 zu Studienzwecken in Rom. Dort wurde er 1663 abberufen und er ließ sich in Salzburg nieder. Am 2. Mai 1667 ehelichte er im Salzburger Dom Sibylle Eberlin. Mit ihr hatte er acht Kinder. In Salzburg erlangte er den Titel und Rang eines hochfürstlichen Kammerdieners. Er schuf zahlreiche Skulpturen in der Stadt Salzburg. Zwei seiner wichtigsten Werke sind die Figuren des Hl. Rupert und des Hl. Virgil vor dem Salzburger Dom. Er wurde im Friedhof von St. Peter begraben.

 

Johann von Spillenberger

(geb. 1628 in Koschau/ Slowakei, gest. Sommer 1679 bei Passau auf der Flucht vor der Pest in Wien): Erste Einweisung in künstlerische Techniken bei seinem Vater; Tätigkeiten in Stolp; um 1645 arbeitet er beim Münchner Maler Johann Carl Loth, anschließend Gesellen-wanderung durch Süddeutschland; Studienaufenthalt in Italien (Venedig); 1661 in Kitzbühel tätig; danach in Augsburg und ab 1664 Regensburg, dort Heirat mit Anna Maria Lidl. Spillen-berger verkörpert den typischen Wanderkünstler; erst in seinen letzten Lebensjahren dauerhaft in Wien ansässig; kaiserlicher Hofmaler; 1669 Erhebung in den Reichsadelsstand; als gesuchter Maler arbeitet er im gesamten süddt.-österreichischen Raum bis Mähren und avanciert hierbei zu einem der führenden Altarbildmaler im dritten Viertels des 17. Jahrhunderts.

 

Bilder vom Hochaltar:

Hochaltar von 1669 Gesamtansicht K

Hochaltar Gesamtansicht

 

 Das Entstehungsjahr am oberen Marmorgebälk

1669 – Das Entstehungsjahr im oberen Marmorgebälk

Der Kontrakt vom 10. Januar 1663

Der Kontrakt vom 10. Jan. 1663 mit den genannten Unterschriften

Spezification 1669 Gesamkostenaufstellung Ausschnitt

Spezifikation von 1669 – Gesamtkostenaufstellung, Ausschnitt

Johann von Spillenberger im Alter von 43 Jahren 1671

Portrait Johann von Spillenberger im Alter von 43 Jahren, 1671

Kurfurst Maximilian Heinrich im  Alter von 49 Jahren 1670

Portrait Kurfürst Maximilian Heinrich im Alter von 49 Jahren, 1670

Kurfürst Propstwappen

Marmorwappen Kurfürst Maximilian Heinrich

Stiftswappen

Marmorwappen des Stiftskapitels Berchtesgaden

 

20.10.2019
Johannes Schöbinger

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