Ökumenische Sternstunde in der Evangelischen Stadtkirche Bad Reichenhall

Gemeinsames Gebet mit Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler und Kurt Kardinal Koch und "eine katholische Sicht auf das Reformationsgedenken 2017"

Zu einer ökumenischen Vesper hatten der katholische Dekanatsrat des Dekanates Berchtesgaden und die Evangelische Kirchengemeinde Bad Reichenhall in die dortige Stadtkirche eingeladen. Aufgrund der guten Beziehungen von Dekan Dr. Thomas Frauenlob zum Vatikan war es gelungen, Kurienkardinal Kurt Koch, einen gebürtigen Schweizer, für den daran anschließenden Vortrag zu gewinnen. Dadurch ergab sich für die Regionalbischöfin von Oberbayern, Susanne Breit-Keßler, die Möglichkeit, mit dem „Ökumeneminister des Vatikans“ zusammenzutreffen.

P1190560a bearbeitet 1kleinRegionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, Kirchenmusikdirektor Matthias Roth und  Pfarrer Martin Wirth (von rechts) warten auf den Kurienkardinal aus Rom. "Da vorne, glaube ich, kommt er ..."

P1190562a bearbeitet 1kleinRegionalbischöfin trifft Kurienkardinal

P1190565b bearbeitet 2kleinNoch schnell ein Gruppenbild (v.l.): Dekanatsratsvorsitzender Michael Koller, Kurt Kardinal Koch, Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßling, Pfarrer Martin Wirth, Dekan Dr. Thomas Frauenlob ...

... dann bittet Pfarrer Wirth die Gäste aus München und Rom in "seine" Kirche

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Nachdem die drei Gäste zusammen mit dem Hausherrn, Pfarrer Martin Wirth, unter Festgeläute und feierlichem Orgelspiel in die Kirche eingezogen waren, eröffnete Regionalbischöfin Breit-Keßler die ökumenische Andacht und begrüßte die mit ihr am Altar Stehenden und die zahlreichen evangelischen und katholischen Gläubigen, die der Einladung gefolgt waren. Einen besonderen Dank richtete sie an Kirchenmusikdirektor Matthias Roth, dessen Motettenchor mit Werken von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Heinrich Schütz für die musikalische Gestaltung sorgte. „Ich freue mich von Herzen, mit Ihnen diese Vesper feiern zu dürfen“, wandte sie sich an Kardinal Koch, „ so segne Gott unser gemeinsames Gebet.“

In ihrer Predigt beleuchtete Breit-Keßler den von Martin Luther propagierten Begriff „Sola Gratia – Allein durch Gnade“. „Wenn Menschen Gnade walten lassen“, meinte sie, „so hat das oftmals etwas Joviales oder Herablassendes an sich. Die „Begnadigten“ spüren dies und versuchen nicht selten, dem durch das Leugnen des Fehlverhaltens aus dem Wege zu gehen.“ In diesem Zusammenhang nannte sie den Bayern-Spieler Luca Toni einen „Meister darin, das Unschuldslamm zu spielen“. Gott, der allen Grund hätte, die Menschheit fertigzumachen, sei Mensch geworden – allein aus Gnade – ein Knecht, ein Diener aller. „Er kommt vom Himmel hoch, aber nicht von oben herab. Seine Gnade ist gratis, aber nicht umsonst.“ Sie frage sich, warum manche Menschen nicht glauben wollen, allein durch Gnade zum Heil zu gelangen, und lieber ihr Leben zu beeinflussen oder zu verlängern versuchen. „Botox-Spritzen sollen dann die Lebensspuren beseitigen.“ „Alles Bestreben, sich das Leben zu optimieren, ist der Versuch, sich selbst zu Gott zu machen. Wer wirklich glaubt, sich selbst erlösen zu können, schlittert geradewegs in die Katastrophe.“

Sola Gratia, Allein aus Gnade – so laute die Liebeserklärung Gottes an uns. Diese könne man nur genießen, wenn sie auch anderen zugutekomme. „Und auf eine Liebeserklärung antwortet man doch“, so die Regionalbischöfin, die in diesem Zusammenhang eine „heilsame und menschenfreundliche Sprache“ anmahnte. „Sola Gratia“, wandte sie sich am Schluss ihrer Predigt direkt an Kardinal Koch, „Sola Gratia, Eminenz, das klingt beinahe italienisch-schweizerisch beschwingt.“

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Mit dem Vaterunser, Fürbitten und dem ökumenischen Segen ging der erste Teil der Veranstaltung zu Ende. Nach einer kurzen Pause – fast alle Besucher waren geblieben – begrüßte Dekanatsratsvorsitzender Michael Koller zu der „wahrscheinlich am hochkarätigsten besetzten“ Versammlung des Dekanates Berchtesgaden und bat Dekan Frauenlob, den Redner vorzustellen. So erfuhren die Zuhörer, dass Kardinal Koch nicht nur Präsident des „Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen“ ist, sondern in mehreren anderen Gremien tätig ist. Und dass er – ebenso wie Pfarrer Wirth – gerade aus Namibia vom Treffen des lutherischen Weltbundes zurückgekehrt ist.

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Kardinal Koch hatte seinem Vortrag den Titel „Eine katholische Sicht auf das Reformationsgedenken 2017 – Einheit vor uns?“ gegeben. Er gab eine ehrliche, differenzierte Beschreibung der – von Luther nicht gewollten – Reformation und den Bestrebungen in Vergangenheit und Gegenwart, die Einheit der Kirchen wiederherzustellen. Dabei verwies er zunächst auf eine Schrift, die zum Reformationsgedenken erarbeitet worden ist und den bezeichnenden Titel „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ trägt. Während sich das katholische Lutherbild in der Vergangenheit gewandelt habe und quasi zur Wiederentdeckung des „katholischen Luther“ geführt habe, sei nun auch in der protestantischen Geschichtsschreibung möglich geworden, auch die Schattenseiten im Leben und Wirken von Martin Luther unbefangen beim Namen zu nennen, wie beispielsweise seine herabsetzenden und gehässigen Äußerungen über die Juden oder seine immer deftiger werdenden Attacken gegen das Papsttum. Es sei mittlerweile deutlich geworden, dass Luther theologisch tief in der mystischen und monastischen Tradition des Mittelalters verwurzelt gewesen ist. Koch verwies auf Bernhard von Clairvaux, bei dem Luthers Theologie von der Rechtfertigung durch Gnade und Glauben allein bereits im Kern vorgegeben gewesen ist. Andererseits ist wieder entdeckt worden, dass Luthers Reformbewegung nicht isoliert in der damaligen Landschaft gestanden hat, sondern im Zusammenhang mit vielfältigen und weitreichenden Reformen im späten Mittelalter gesehen werden muss. Ein Beispiel sei Spanien, wo die eigentlichen Impulse zu religiösen Reformen ausgegangen sind. „Hätte sich eine ähnliche Kirchenreform wie die spanische in der ganzen Kirche durchsetzen können und hätte Martin Luthers Ruf nach Reform und Buße bei den damaligen Bischöfen und beim Papst offene Ohren gefunden, wäre die von ihm gewollte und initiierte Reform nicht zur Reformation geworden. Dass aus der ursprünglichen Reform der Kirche eine die Kirche spaltende Reformation geworden ist, dafür trägt die damalige Katholische Kirche deshalb eine große Mitschuld.“

Der Kardinal bestätigte, dass die Katholische Kirche damals äußerst reformbedürftig gewesen ist und Luther in einer großen Tradition der katholischen Erneuerer vor ihm gestanden hat. „Der heilige Franziskus oder der heilige Dominikus wollten in erster Linie nicht neue Orden gründen, sondern die Kirche von innen her erneuern, indem sie in der evangelischen Lebensform das Evangelium in seiner wörtlichen Ganzheit zu leben wagten.“ Luther habe keineswegs den Bruch mit der Katholischen Kirche und die Gründung einer neuen Kirche gewollt, er habe vielmehr die Erneuerung der ganzen Christenheit im Geist des Evangeliums beabsichtigt, sein Ziel sei alles andere gewesen als eine lutherische Sonderkirche. Auch wenn der sogenannte Thesenanschlag an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg in der bisher überlieferten Weise vielleicht gar nicht stattgefunden habe, so bleibe der 31. Oktober 1517 der Tag, an dem Luther seine Thesen über den Ablass veröffentlicht hat, mit denen er nicht mit der Katholischen Kirche brechen, sondern sie erneuern wollte. Erst spätere Schriften Luthers hätten einen Bruch mit dem katholischen Kirchenverständnis eingeleitet.

Die Spaltung der Kirche und das Entstehen eines eigenen evangelischen Kirchenwesens seien vor allem das Ergebnis von politischen Entscheidungen gewesen. Im Blick auf die darauf folgenden blutigen Konfessionskriege meinte Koch: „Wenn wir heute die kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb des Islams sehen, so müssen wir mit Scham bekennen, dass es so was bei uns auch gegeben hat.“ Das wirkliche Gelingen der Reformation werde man erst in der Überwindung der Spaltungen und in der Wiederherstellung der Einheit der im Geist des Evangeliums erneuerten Kirche erblicken können. Koch verwies auf die zwei Hauptanliegen, die zur Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils führten: die Erneuerung der Katholischen Kirche und die Wiederherstellung der Einheit der Christen.

Kardinal Koch beendete seinen Vortrag mit dem Appell, die ökumenisch vordringliche Frage nach dem Wesen der Kirche weiter zu vertiefen. „Das Reformationsgedenken zu begehen und einfach beim bisher Erreichten zu verbleiben oder gar das Ziel der Einheit aufzugeben und sich mit der vorhandenen Pluralität von Kirchen zufriedenzugeben, würde weder den Intentionen der Reformatoren entsprechen noch dem Anspruch des Reformationsgedenkens gerecht werden“, so Kardinal Koch. „Ein gemeinsames Reformationsgedenken wird nur dann eine ökumenische Chance sein, wenn das Jahr 2017 nicht der Abschluss, sondern Neubeginn eines Ringens um die volle Gemeinschaft zwischen Lutheranern und Katholiken sein wird.“

Von der Möglichkeit, im Anschluss an den Vortrag Fragen an den Kardinal und die Regionalbischöfin zu stellen, machte nur einer der Zuhörer Gebrauch, der wissen wollte, welche konkreten Aktivitäten denn nun geplant seien, um die Einheit zu schaffen. Kardinal Koch erwiderte, dass alles, was getan werden muss, auf lokaler, regionaler und universaler Ebene geschieht. Er selbst sei für die universale Ebene zuständig, regional und lokal gebe es oftmals schon sehr weitreichende Bemühungen. Auch Regionalbischöfin Breit-Keßler plädierte in dieser Frage für einen „gesunden Realismus“. Der evangelische Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sei bereits zweimal beim Papst gewesen und verstünde sich auch mit Kardinal Reinhard Marx sehr gut, und was Kardinal Koch heute gesagt habe, sei das „Weitreichendste“ gewesen, was sie von katholischer Seite je gehört habe.

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Dekanatsratsvorsitzender Michael Koller bedankte sich bei Regionalbischöfin Breit-Keßler für die „g’soizene“ Predigt und bei Kardinal Koch für den interessanten Vortrag und überreichte beiden Körbchen mit Produkten, die in Zusammenhang mit Salz stehen, weil das Berchtesgadener Salzbergwerk in diesem Jahr des Reformationsgedenkens sein 500-jähriges Bestehen feiert. Außerdem bedankte er sich bei Pfarrer Wirth für die Möglichkeit, die katholische Dekanatsversammlung in der Evangelischen Stadtkirche durchführen zu können. Pfarrer Wirth seinerseits freute sich, dass er in „seiner“ Kirche diese besondere ökumenische Begegnung erleben durfte, und lud in den Pavillon der Stadtkirche ein, wo Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit der Regionalbischöfin und dem Kardinal bestand. Zur großen Freude von Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner trugen sich die hohen Gäste abschließend in das Goldene Buch der Stadt Bad Reichenhall ein.

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P1190677a bearbeitet 1kleinOberbürgermeister Dr. Herbert Lackner im Gespräch mit der Regionalbischöfin und dem Kurienkardinal

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Wer gute Augen hat, kann lesen, womit Kardinal Koch seinen Eintrag in das Goldene Buch begonnen hat ...

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"... Ihr seid das Salz der Erde ..."

20. Mai 2017
Andreas Pfnür

 

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